Was die Zusatzqualifikation Forderungsmanagement aus der Sicht von Absolventinnen bedeutet. Ein Gespräch mit Jaane Ohlendorf und Chaleen Behrens (EOS Gruppe).
Hamburg war der erste IHK-Bezirk, der die Zusatzqualifikation Forderungsmanagement angeboten hat – nun ist er auch der Letzte. Neben der Berufsschule BS18 in Hamburg-Harburg gab es in der Vergangenheit auch die Bergische IHK Wuppertal-Solingen-Remscheid und den Kammerbezirk Karlsruhe, wo eine solche Qualifikation möglich war. Doch sowohl im Bergischen als auch im Badischen ist das nicht mehr der Fall. Beide Kammern bestätigten auf Nachfrage, dass man keine Teilnehmenden mehr findet. In der Bergischen IHK ist das Bedauern darüber groß. Ausbildungsberaterin Sabrina Hager: „Wir haben ein fertiges Konzept und könnten Zusatzqualifikation Forderungsmanagement sofort anbieten. Sowohl während der Ausbildung als auch als Weiterbildungsprogramm.“ Aber derzeit, so Hager, fehlten neben den Interessenten auch das Budget.
Gut 350 Kilometer weiter nördlich sieht die Situation anders aus. Neben der Real Solution Inkasso und der EOS Gruppe, die eine ganz besondere Verbindung zur Zusatzqualifikation Forderungsmanagement haben, sind noch einige andere Inkassounternehmen im Hamburger Kammerbezirk tätig, die ihre Auszubildenden auf die Berufliche Schule Harburg (BS18) schicken, um dort die Zusatzqualifikation zu absolvieren. Für einen unmittelbaren Eindruck davon haben wir mit einer Absolventin und einer Auszubildenden – beide Mitarbeitende der EOS Gruppe – über ihre Erfahrungen gesprochen. Jaane Ohlendorf hat vor gut zwei Jahren ihren Abschluss gemacht und ist nun Junior Consultant Corporate Communications & Marketing. Chaleen Behrens ist im zweiten Lehrjahr und noch dabei, die Zusatzqualifikation zu erwerben. Die Erfahrungen der beiden jungen Frauen ergeben ein ambivalentes Bild der Zusatzqualifikation Forderungsmanagement und weisen darauf hin, dass auch strukturelle Aspekte Ursache für den geringer werdenden Zuspruch verantwortlich sein könnten.
„Ich wollte als kleines Mädchen nicht unbedingt Forderungsmanagerin werden“, sagt Jaane im Interview mit einem Lachen. Tatsächlich sei ihre Motivation eher pragmatisch gewesen. Es kann nicht schaden, eine Extraqualifikation mitzunehmen, hatte sie sich überlegt. Ganz ähnlich war das auch bei Chaleen gewesen. Eine Lehrerin hatte sie darauf aufmerksam gemacht. Und weil beide ihre Ausbildung bei der EOS Gruppe machen wollten, blieb dann ohnehin keine Wahl: Denn bei der Tochter der Otto Group gehört die Zusatzqualifikation Forderungsmanagement zur Ausbildung: „Es gibt nur diesen Ausbildungsgang bei der EOS Gruppe“, erklärt Chaleen. Aber die Entscheidung sei ihr dennoch leichtgefallen, denn der „Vibe“ des Unternehmens habe ihr, wie zuvor auch schon Jaane, sofort gefallen. Auch der mit der Qualifikation verbundene Mehraufwand habe sie nicht abgeschreckt, berichten die beiden gelernten Forderungsmanagerinnen. Vier zusätzliche Unterrichtsstunden pro Woche, das sei überschaubar, waren die beiden bei Ausbildungsbeginn überzeugt. Doch der Teufel liegt, wie immer, auch hier im Detail. Die zur Ausbildung gehörende Berufsschule, an der auch der einzige Lehrer für die Zusatzqualifikation unterrichtet, ist die Berufliche Schule Hamburg-Harburg (BS 18). Eine andere Berufsschule, an der die Spezialisierung möglich wäre, gibt es im Kammerbezirk nicht.
Die Fahrzeit nach Harburg war für beide, Jaane und Chaleen, einer der echten Nachteile. Wer im Zentrum oder gar im Norden der Hansestadt lebt, ist mit den Öffis lange unterwegs. „Der Weg nach Harburg ist ein Albtraum“, erinnert sich Jaane, die anfangs sogar aus Elmshorn nach Harburg fahren musste. Zwei bis drei Stunden Mehraufwand pro Schultag – das macht keinen Spaß. Auch die Tatsache, dass der Forderungsmanagement-Unterricht typischerweise nachmittags, in der 8. und 9. Stunde stattfindet, macht die Sache nicht besser. „Wenn alle um zwei Uhr nach Hause gehen, sitzen wir da noch weitere zwei Stunden“, sagt Chaleen und ergänzt: „Bis ich gegen sieben Uhr abends dann zuhause bin, war das dann ein echt langer Tag!“ Die geringe Klassengröße von maximal fünf Personen sorge zwar für intensives Lernen, sind die beiden sich einig, aber: „Unterricht lebt davon, dass sich die Leute beteiligen und Fragen stellen. Ein echter Austausch über unterschiedliche Erfahrungen oder Vorgehensweisen wäre hilfreich, kommt aber kaum vor.“ Bei so wenigen Personen sei das aber schwierig.
Die Unterrichtspraxis: frontal und theorielastig
Ohne mit dem Lehrer allzu hart ins Gericht gehen zu wollen, sind beide doch mit der Art und Weise der Wissensvermittlung nicht wirklich glücklich. Der Unterricht folge klassischen Mustern mit Arbeitsblättern, Gesetzestexten und theoretischen Diskussionen. „Wir sitzen alle in einer Reihe – quasi als Verlängerung vom Lehrerpult – und sprechen zwei Stunden über Finanzrecht“, berichtet Jaane aus ihrer Erinnerung. Es gehe um vorgerichtliches und gerichtliches Verfahren, um Zwangsvollstreckung, Insolvenz, Zession sowie um materielles und Verfahrensrecht und nicht zu vergessen um den mathematischen Teil mit Zins- und Gebührenberechnung: „Alle großen zentralen Begriffe und Tätigkeiten im Forderungsmanagement“, sagt Chaleen.
Was komplett fehlt, ist die praxisorientierte Fallarbeit, erinnert sich Jaane: „In meiner Schulzeit sind wir nie mal Schritt für Schritt durch einen Inkassofall gegangen und haben dabei die verschiedenen Fragen und Tätigkeiten besprochen.“ Die Themen wurden stattdessen nur theoretisch behandelt, Begriffe definiert und Paragraphen gepaukt. Abwechslung gab es nur auf Initiative der Schülerinnen und Schüler: „Wenn wir konkret um Einzel- oder Gruppenarbeit bitten, dann wird das auch gemacht.“, steuert auch Chaleen ihre aktuelle Erfahrung bei.
Klar sei aber auch, dass der Großteil des Wissens im Rahmen der Ausbildung ‚on the job‘ vermittelt werde. „In der Ausbildungszeit, die wir im Betrieb verbracht haben, haben wir durch unsere Fachausbilder und die tägliche Arbeit mit Forderungsfällen viel Fachwissen mitbekommen“, so Jaane. „Ich lerne viel leichter, wenn ich an einer Aufgabe arbeite, als wenn ich nur darüber lese“, ergänzt Chaleen.
Gibt es einen Mehrwert aus der Zusatzqualifikation?
Sowohl Chaleen als auch Jaane betonen, dass der Zugewinn an dem, was sie mit dem Begriff „Erwachsenenwissen“ bezeichnen, die Mühe wert gewesen sei. Damit spielen sie auf das Finanzwissen an, das in Deutschland leider sehr vernachlässigt werde. „Sich so gut auszukennen in Recht und Finanzen, ist schon ein ganz cooler Skill“, sagt Chaleen. „Das ist wertvolles Wissen, das ich jetzt für mich und mein Leben gerne behalte und anwenden kann.“ Für Ihr Erwachsenwerden halten die beiden jungen Frauen das in Ausbildung und Zusatzqualifikation erworbene Wissen für nützlich: „Wenn man sich auf die eigenen Beine stellt, weiß man zu schätzen, dass man etwas von Finanzen, von Zinsen, von Widerspruchsfristen und Mahnverfahren gelernt hat. Man kann immer mal in einer Klemme stecken. Spätestens dann ist es sehr gut, dass man sich auskennt“, resümiert Chaleen.
Verbesserungspotenziale
Was in der schulischen Ausbildung besser laufen könnte? Dazu haben beide sehr klare Vorstellungen und auch ganz konkrete Vorschläge. Chaleen und Jaane sind sich einig, dass an der Methodik unbedingt gearbeitet werden müsse. „Wir brauchen mehr Praxisbezug. Es wäre schon sehr hilfreich, wenn wir mehr mit und an konkreten Fällen arbeiten würden“, sagt Chaleen. Statt nur Fachbegriffe zu pauken, könnten Azubis einen typischen Inkassofall Schritt für Schritt durchgehen – von der Zahlungserinnerung bis zur Zwangsvollstreckung. Das, sagt sie, sei eine sehr sinnvolle Ergänzung zur Wissensvermittlung. Außerdem wäre es gut, den Austausch untereinander durch mehr Teilnehmende zu fördern. Jaane: „Wenn es in Hamburg eben nicht genug von uns Azubis gibt, warum arbeiten wir dann nicht mit anderen Städten zusammen? Seit Corona können wir doch mit virtuellen Klassen umgehen. Warum schaffen wir auf dieser Ebene keine Gelegenheiten für gemeinsame Arbeit und einen regelmäßigen Austausch? Immerhin leben wir im 21. Jahrhundert.“
Aus den Kammerbezirken im Bergischen Land und in Karlsruhe wissen wir, dass aufgrund der Nachfragesituation das Angebot der Zusatzqualifikation nicht aufrechterhalten werden konnte. Die Vermutung liegt nahe, dass gerade kleinere IHK-Bezirke gar nicht erst über solche Angebote nachgedacht haben – eben aus diesem Grund. Es wäre interessant, einmal abzufragen, wie das Interesse der Kammern aussähe, gäbe es ein übergreifendes Unterrichtskonzept, das in einem hybriden Lernsystem für bessere Methodik, sinnvolle Didaktik, eine größere Auswahl an Lehrenden und eine bessere Ressourcennutzung sorgen könnte.
Die Zusatzqualifikation Forderungsmanagement ist ein ambitioniertes Projekt, das zeigt, wie wichtig die Rahmenbedingungen für den Erfolg von Bildungsangeboten sind. Die Idee ist gut: Azubis im Inkassobereich frühzeitig mit den rechtlichen und fachlichen Grundlagen vertraut zu machen. Die Umsetzung aber kämpft mit strukturellen Problemen.
Lohnt sich also die Zusatzqualifikation? Die Antwort ist: Es kommt darauf an. Für Azubis, die langfristig in der Sachbearbeitung im Inkasso arbeiten wollen, bietet sie einen Wissensvorsprung – wenn auch die Praxis ohnehin das meiste lehrt. Für alle anderen ist sie vor allem Allgemeinbildung, die im Leben durchaus nützlich sein kann, aber nicht zwingend für die Karriere ist. Das Hamburger Modell zeigt: Die Idee einer spezialisierten Ausbildung für die Inkassobranche hat Potenzial. Aber sie braucht bessere Rahmenbedingungen, um dieses Potenzial voll zu entfalten. Mit praxisorientierten Lehrmethoden, größeren Klassen, besser erreichbaren Standorten und mehr Vernetzung könnte aus dem ambitionierten Projekt ein echtes Erfolgsmodell werden.